Implantat Skandal – was Sie über Knie-Prothesen wissen sollten

Die aktuellen Ereignisse im Zusammenhang mit Implantaten in der Schweiz zeigt einmal mehr, dass Patienten/innen, die nicht ausreichend informiert sind, Gefahr laufen mit dem Einsetzen von Implantaten auch als Versuchskandidat/in zu enden. Die Ursache des Übels ist wie halt oft, wen wundert’s, das liebe GELD. Als Patient/in sind Sie relativ schnell davon betroffen, wenn ihr behandelnder Arzt, aus finanziellem Anreiz, wenig erprobte und als „innovativ“ bezeichnete Implantate verwendet. Hellhörig sollte man/frau immer dann sein, wenn nicht Universitätskliniken mittels Studien sondern selbstständig chirurgisch tätige Ärzte Produkte verwenden, die als  „neu“ und „modern“ angepriesen werden und sich der Arzt als der „Einzige“ oder gar als „der Erste in der Schweiz“ mit diesem Produkt bezeichnet. Häufig sind es die Herstellerfirmen von Medizinalprodukten und Implantaten, die in den bestehenden Markt eindringen wollen, und dabei gezielt versuchen operativ tätige Ärzte zu ködern. Die Realität zeigt leider, dass dies leider immer wieder erfolgreich gelingt. Nicht selten werden Ärzte mit Einladungen, ganzseitigen Präsentationen in Printmedien und mit Fernsehauftritten werbewirksam vermarktet. Im konkurrenzierenden Medizinalmarkt von lukrativen Operationen mit Implantaten scheint in den letzten Jahren der Verdrängungskampf  unter den Medizinalproduktefirmen selbst aber auch unter den operativ tätigen Ärzten untereinander derart zugenommen zu haben, dass Werbung und Marketing die ehrliche Informations- und Aufklärungspflicht zusehens verdrängt.

Bei den Knie-Prothesen haben Medizinalproduktefirmen und operativ tätige Ärzte seit jeher versucht den Markt zu beeinflussen, in dem werbewirksam immer wieder neue „beste Knieprothesen“ angepriesen wurden. So sollte die „High Flex“ Knieprothese eine noch bessere Beweglichkeit garantieren. Auch Prothesen wie „Gender Knee“ und „My Knee“ suggierten, dass eine Frau nicht die gleiche Knieprothese bräuchte wie ein Mann. Heute sind wir sogar soweit, dass sowieso nur noch eine „individualisierte Knieprothese“ das Beste sei. Aktuell im Trend ist ja zum Beispiel die „3D-Knieprothese“. Innovationen und neue Ideen sind grundsätzlich gut und wichtig, das sei hier ganz klar festgehalten. Nur sollten meiner Meinung nach besser Universitätskliniken mit fundierten Studien zuerst einen Benefit zeigen, bevor operativ tätige Ärzte in der Peripherie mit Unterstützung von Firmen neue Medizinalprodukte an Patienten ausprobieren dürfen, insbesondere dann, wenn kein bewiesener Benefit nachzuweisen ist.

Es stellt sich grundsätzlich die Frage, welche Knieprothese den nach heutigen Erkenntnissen mit gutem Gewissen zu empfehlen ist. Um diese Frage zu beantworten muss zuerst die Frage beantwortet werden, welches denn die Probleme sind, die dazu führen, dass 10-20% der Patienten nach Implantation einer Knieprothese unzufrieden sind. Wir wissen , dass es deren drei Hauptprobleme sind, nämlich Instabilität der Knieprothese durch zu lockere Weichteile, schmerzhafte Beweglichkeitseinschränkung durch zu straffe Weichteile und Schmerzen der eigenen Kniescheibe beim Gleiten auf der Knieprothese. Um ein schmerzloses Gleiten der Kniescheibe zu haben, muss in einigen Fällen auch die Gelenkfläche der Kniescheibe ersetzt werden. Instabilität und zu straffes Kapselgewebe sind sind immer die Folge von nicht angepasster Weichteilspannung im Rahmen der Operation. Dieses intraoperative Weichteil-Management durch einen erfahrenen Operateur ist der wichtigste und in allen Studien bestens nachgewiesener Parameter für ein erfolgreiches Ergebnis einer Knieprothese. Deshalb konzentrieren sich alle kompetenten Kniespezialisten auf die Weichteilverhältnisse und sind der Meinung, dass eine Knieprothesen-Operation im Grunde primär eine Weichteil-Operation ist. Es ist deshalb, ausser als Werbezweck, nicht nachvollziehbar, dass Ärzte die Form der Knieprothese sei es als „Gender Knee“, „My Knee“ oder als „3D-Prothese“ in den Vordergrund stellen.

Neben der Erfahrung des Operateurs, und zwar explizit im Weichteil-Management, sollte eine Prothese wenn immer möglich zementfrei eingesetzt werden, weil dadurch ein festes direktes Einwachsen der Prothese im Knochen ohne Mikrospalten besser stattfinden kann. Eine zementierte Prothese ist im Knochen wegen den Mikrospalten leider nur verzahnt verankert. Dadurch besteht das Risiko, dass Pulver-Rückstände des Kunststoffabriebs in den Knochen gelangen und mit der Zeit eine Schädigung des Knochenmantels um die Prothese herum und somit früher oder später auch eine Lockerung der Prothese auftreten kann. Um den Abrieb zu minimieren setzen wir überall dort wo Reibung entsteht, idealerweise Keramikteile ein. Dies ist bei einer Hüftprothese gut möglich, jedoch bis heute leider noch nicht bei Knieprothesen.

Und was würde ich mir nun als Orthopäde selber einsetzen lassen? Ganz klar: Eine Prothese, die seit über 20 Jahren erfolgreich im Einsatz ist, die zementfrei implantiert wird, die genügend unterschiedliche Grössen besitzt und die ein bewegliches Kunststoffteil zwischen dem metallenen Oberschenkel- und Unterschenkelteil hat, das somit weniger Abrieb erzeugt. Der Operateur muss dann zu aller letzt noch dafür sorgen, dass meine Knieprothese nicht zu eng und zu straff eingebaut wird. Es ist wie mit Schuhen, zu eng ist zu eng, egal wie eng ein Schuh ist. Genau diese Prothese setzen wir seit Jahren nach diesem Konzept erfolgreich bei unseren Patienten und Patientinnen ein.